Unsere Kreativ-Geschichte im April

Über Wissenschaft und Forschung

Ein kreatives Gesamtkunstwerk

Bei den meisten Kindern beginnt sie im Alter von drei bis vier Jahren: die Warum-Phase. Warum hat die Schnecke ein Haus? Warum wird es abends dunkel? Warum können Vögel fliegen? Für die Eltern mag es manchmal anstrengend sein, all die Fragen zu beantworten – und doch ist es auch eine Möglichkeit, die Welt wieder mit neuen Augen zu sehen und zu hinterfragen. Die Kinder selbst zeigen dabei genau die Eigenschaften, die zahlreichen Studien zufolge auch besonders kreative Köpfe ausmachen: etwa Spontanität, Neugier, Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, die Dinge einmal von einer anderen Seiten zu betrachten.

Viele berühmte Forscher und Entdecker haben sich diese Eigenschaften und eine ungetrübte, im positiven Sinne „kindliche“ Sicht auf die Dinge erhalten. Und das war früher kaum anders möglich. Denn vor Tausenden von Jahren waren viele Phänomene in Natur und Technik noch unerforscht oder überhaupt nicht bekannt. Doch das hinderte kluge Köpfe nicht daran, Fragen zu stellen und so nach und nach die Erde zu erklären. Bereits im 4. Jahrhundert vor Christus stellte Aristoteles fest: Ehe ein Schiff am Horizont verschwindet, sind als Letztes seine Mastspitzen zu sehen. Er fragte sich: Warum? Und kam zu dem Schluss, dass die Erde eine Kugel sein müsse. Wieder hundert Jahre später ließ Eratosthenes sich etwas einfallen: Er maß den Einfallswinkel der Sonnenstrahlen an verschiedenen Orten in Ägypten. Da sich die Winkel im Norden und im Süden unterschieden, folgerte er, dass die Erde wirklich rund sein müsse – und bestimmte zudem noch den Erdumfang bis auf wenige Tausend Kilometer genau. Im Jahr 1519 stach schließlich der Seefahrer Ferdinand Magellan in See, mit dem Ziel, die Welt zu umsegeln. Der Erfolg seiner Mission eröffnete wiederum weiteren Entdeckern zahlreiche Möglichkeiten.

Christoph Kolumbus ging in Amerika an Land, Marco Polo fuhr nach China und James Cook kartografierte den Pazifischen Ozean so genau wie kein Mensch jemals vor ihm. Er war es im Übrigen auch, der neben seiner eigentlichen Arbeit, der Seefahrt, biologische Experimente anstellte. Damit keiner seiner Männer an der berüchtigten Mangelerkrankung Skorbut sterben müsse, ließ er Sauerkraut, Karottengelee und eingezuckerte Zitronen an Bord schaffen. Zunächst testweise: Schließlich wusste Cook damals noch nicht, dass Skorbut aus einem Mangel an Vitamin C entsteht.

Neben dem Wissen um die richtige Ernährung wuchs auch die Professionalität der Seefahrer: Sextanten, Quadranten, Chronometer und zahlreiche andere neu erfundene Instrumente ermöglichten es ihnen, genauer zu messen und die Welt so Stück für Stück weiter zu erforschen. Eine Aufgabe, die besonders Alexander von Humboldt sehr ernst nahm: Wochen- und monatelang schlief er in Wäldern, aß Ameisen und Reis, ließ sich von Moskitos zerstechen, befuhr den Amazonas, bestieg in Ecuadorden den Berg Chimborazo – immer auf der Suche nach Antworten.

So hat jeder Forscher und Entdecker dazu beigetragen, die Antworten um die „Warums“ dieser Erde zu klären, jeder einzelne auf seine eigene, kreative Weise. Das Wissen, auf das wir heutzutage zurückgreifen, kann daher nicht umsonst als Gesamtkunstwerk gelten, als ein Mosaik, an dem Tausende Köpfe mitgedacht haben. Und noch immer wird daran gearbeitet: Jedes Jahr entdecken Forscher auf der ganzen Welt noch unbekannte Tier- und Pflanzenarten – allein die Forschungseinrichtung California Academy of Sciences vermeldete 2019 über 70 bislang unentdeckte Arten.