Unsere Kreativ-Geschichte im September

Alles eine Frage der Illusion

Von der Ursprüngen der Zauberkunst

Im Idealfall lässt er sein Publikum fassungslos zurück, mit einem Staunen in den Augen und einem Fragezeichen im Kopf: der Magier. Dabei vollbringt er eine der bestimmt anspruchsvollsten, kreativen Leistungen: seine Zuschauerinnen und Zuschauer an den eigenen Sinnen zweifeln zu lassen. Gerade in der heutigen Welt, in der es für die meisten Phänomene eine Erklärung gibt und in der man Unbekanntes einfach googlen kann, bietet die Kunst der Illusion eine willkommene Abwechslung. Wer sich, etwa bei einer Show, ganz auf sie einlässt, kann sich im wahrsten Sinne des Wortes verzaubern lassen und am Ende mit der Frage nach Hause zurückkehren: Wie zum Teufel hat er das gemacht?

Die Ursprünge der Täuschung reichen bereits bis in die Antike zurück. Bereits zur Zeit von Alexander dem Großen – also um 330 vor Christus – gab es erste Taschenspieler. Im Mittelalter führten Gaukler die Tradition fort. Einer der ältesten bekannten Zaubertricks ist das Becherspiel. Bei diesem lässt der jeweilige Taschenspieler mehrere kleine Kugeln, Nüsse oder Bälle unter zwei oder drei Bechern hin- und herwandern, hebt ab und zu einen Becher und verblüfft seiner Zuschauer damit, dass sich unter diesem – anders als gedacht – eine der Kugeln befindet oder eben nicht. Erste Kartentricks tauchten nachweislich Ende des 16. Jahrhunderts auf. Eine ziemlich gute Idee: Denn ein Kartenspiel dürfte jedem Zuschauer geläufig sein und so wenig Misstrauen erregen. Zumal der Zuschauer dem Magier direkt auf die Finger schaut – was eine gelungene Täuschung umso verblüffender macht.

Mit der Zeit traten die Zauberkünstler nicht mehr auf Straßen oder Marktplätzen auf, sondern in Salons, Gaststätten und schließlich auf großen Bühnen. Als einer der wichtigsten Wegbereiter gilt der Österreicher Ludwig Döbler. Er zeigte, dass Wissen nicht alles ist: Statt seine umfassenden physikalischen Kenntnisse nur an seine Studenten weiterzugeben, nutzte er sie, um originelle Tricks zu entwickeln. Aus einem leeren Hut zauberte er so viele kleine Blumensträuße, entzündete mit einem einzigen Pistolenschuss 200 Kerzen auf einmal oder verwandelte ein winterliches Gemälde in ein Sommerbild.

Er gilt auch als einer der Erfinder des Phantaskops: Die drehbare Scheibe zeigt rundum Zeichnungen, abgetrennt durch Schlitze. Die Scheibe steht vor einem Spiegel; der Betrachter schaut von hinten durch die Schlitze und sieht die Zeichnungen im Spiegel. Dreht sich nun das Rad, verschmelzen die einzelnen Zeichnungen wie bei einem Daumenkino zu einer flüssigen Bewegung – einst eine reine Spielerei, die heute bei jedem Kinofilm zum Einsatz kommt.

Ebenfalls ein Pionier auf dem Gebiet der Zauberkunst war Jean Eugène Robert-Houdin. Eigentlich hatte er das Uhrmacherhandwerk gelernt – doch im Lauf seines Lebens erfand er trotzdem allerlei „magische“ Apparate wie eine sprechende Büste oder einen mechanischen Vogel. Viele seiner Tricks beruhen auf Elektrizität: So gelang es etwa den stärksten Männern nicht, ein kleines Kästchen anzuheben, einem kleinen Mädchen dafür spielend – dank dem bei ihm abgeschalteten versteckten Elektromagneten. Robert-Houdin war es auch, der zunehmend die Wichtigkeit des „Drumherum“ erkannte: Heute kommt kaum eine große Zaubershow ohne eine beeindruckende Kulisse, Lichteffekte und Musik aus – denn all diese Dinge helfen, den Zuschauer vom eigentlichen Vorgehen abzulenken und seine Sinne zu täuschen.

Diese Kunst des Ablenkens brachte der Zauberer Ludwig Hanemann, der Mitte des 20. Jahrhundert unter dem Namen Punx auftrat, zur Blüte. Ursprünglich war Hanemann Texter und Werbefachmann. Dementsprechend ausgereift präsentierte er seine Moderation, die oft fast schon poetisch anmutete und oft aus kleinen Theaterstücken bestand. Sie verschaffte ihm auch die nötige Unaufmerksamkeit vonseiten des Publikums, etwa um eine zuvor zerschnittene Perlenkette wieder vollständig vorzuzeigen oder ein Glas-Herz plötzlich in durchlässiges Material zu verwandeln.

Mittlerweile machen die Möglichkeiten der modernen Technik immer spektakulärere Zauberkunststücke möglich. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich das Repertoire des Magiers David Copperfield: Nachdem er beispielsweise einen Ferrari und ein Flugzeug „weggezaubert“ hatte, ließ er sogar einmal während einer Liveshow die Freiheitsstatue für einige Minuten verschwinden.