Unsere Kreativ-Geschichte im Mai

Von einem, der auszog, das Fliegen zu lernen

Warum Otto Lilienthal als einer der größten Querdenker der Geschichte gelten kann

„Wenn jemand zwei Verrückte sehen will, muss er nach Lichterfelde fahren“, schrieb einmal der Berliner Lokalanzeiger vor rund 130 Jahren. Gemeint waren der Flugpionier Otto Lilienthal und sein Schlosser und Fluggerätemechaniker Paul Beylich. Der Kommentar war sicher keine Seltenheit für die damalige Zeit. Zu merkwürdig müssen den Menschen die Flugversuche erschienen sein – zumal Lilienthal nicht unbedingt eine Vorzeigebiografie hinter sich hatte.

Etwa der Traum vom eigenen Unternehmen war ihm bis dahin verwehrt geblieben: Zusammen mit seinen Brüdern hatte er ein Patent für eine Wärmekraftmaschine anmelden wollen, bei dem er scheiterte. Das Patent auf eine sogenannte Schrämmmaschine für den Bergbau konnte Lilienthal sich zwar sichern, doch auch diese Erfindung war zu uninteressant, als dass es für eine Fabrikation im großen Stil gereicht hätte. Hinzu kamen die Messungen, die Otto Lilienthal seit dem Jahr 1874 zusammen mit seinem Bruder Gustav anstellte: Dabei maß er, welche Kräfte vonnöten waren, um ebenen und gewölbten Flächen Auftrieb zu geben. Er zeichnete Flügelformen und Flugbewegungen von Vögeln auf, vermaß sie und baute sie später nach, um ihre Reaktion auf verschiedene Kräfte in dem eigens entworfenen Rotationsapparat zu testen.

Nach insgesamt 15 Jahren des Beobachtens, Vermessens und Testens veröffentlichte er schließlich ein Buch über seine Erkenntnisse, das den Titel „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ trug. Es liegt nahe, dass nicht nur Lilienthals finanzielle Mittel, sondern auch die damalige Zeit eine frühere Veröffentlichung unterbanden. Schließlich war es damals nicht unbedingt üblich und sicherlich schwierig, über die Grenzen des bis dahin Möglichen hinauszublicken und sich einer so unmöglich erscheinenden Leidenschaft wie dem Fliegen hinzugeben. Tatsächlich wies Otto Lilienthal aber viele Eigenschaften auf, die zahlreiche Studien besonders kreativen Menschen zuordnen: etwa Neugier, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, auch in scheinbar ausweglosen Situationen weiter nach einer Lösung zu suchen, aber auch eine große Leidenschaft für das eigene Tun, die bei Lilienthal ein Leben lang währte und schließlich sogar zum Tod führte.

Auch die für kreative Köpfe typische Beharrlichkeit war Lilienthal zu eigen. Statt direkt ein Fluggerät zu bauen und draufloszufliegen, befand er: „Es gibt nichts Verkehrteres, als auf Grund theoretischer Arbeiten sogleich eine Flugmaschine fix und fertig bauen zu wollen. Beim Herumraten und planlosen Probieren kommt für die Fliegekunst überhaupt nichts heraus. Der Übergang muss vielmehr planvoll und schrittweise erfolgen.“

Den theoretischen Teil sah Lilienthal als abgeschlossen, nachdem er sein 1889 Buch publiziert hatte. Es folgte die Praxis-Phase, die damals garantiert nicht minder verrückt anmutete als die Theorie: Seine ersten Flug-Apparaturen baute Lilienthal unter anderem aus Weidenruten, gewachstem Baumwollstoff, Hanfseil und Stahldraht. Zunächst testete er seinen Gleiter mithilfe von Stehübungen im Wind, später sprang er versuchsweise mit dem Gleiter immer wieder von einem Sprungbrett in seinem Garten – gerade diesen ungewöhnlichen Anblick kann man sich gut vorstellen.

Zwei Jahre später startete Lilienthal ausgedehntere Flugversuche in einer Sandgrube des Orts Derwitz, der zwischen Brandenburg und Potsdam liegt. Jedem Flug folgte eine akribische Nach-Untersuchung, bei dem er Flugbahn, -dauer und andere Werte analysierte und auf deren Basis seinen Flugapparat immer weiter verbesserte. Dabei wurden Lilienthals Flugversuche allmählich zum Besuchermagneten: Zahlreiche Berliner ließen sich das Spektakel nicht entgehen.

Über 3.000 Flüge konnte Lilienthal bis zu seinem Tod verzeichnen, die weiteste dabei zurückgelegte Strecke belief sich auf rund 250 Meter. Noch heute gilt er als der erste Mensch, der erfolgreiche Gleitflüge zurücklegte. Sein sogenannter Normalsegalapparat war zudem das erste Fluggerät, das in Serie angefertigt wurde. Auch das Konzept der Tragfläche bei Flugzeugen ist auf Otto Lilienthal zurückzuführen. Auf diese Weise ebnete Lilienthal den Weg für zahlreiche weitere Flugversuche und Entwicklungen in der Geschichte des Fliegens – mit seiner einzigartigen Fähigkeit, sich nicht mit dem bis dahin bekannten Stand der Technik zufriedenzugeben.